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Der Kampf gegen den Zins Die AnhängerInnen der "Freiwirtschaft" sehen unsere Wirtschaft zwangsläufig auf einen Schuldencrash zusteuern. Solche Entwicklungen sollten durch Ausschaltung arbeitsloser Einkommen aus Geld- und Bodenbesitz auf Dauer verhindert werden. Die Kritik am Zins auf
Geld verbindet die auf die Werke von Silvio Gesell
(1862-1930) zurückgehende Freiwirtschaft mit praktisch
allen Weltreligionen. Während christliche Kirchen sich
von ihren früheren Zinsverboten verabschiedet haben
(ohne ihre kritische Einstellung aufzugeben), hält
allein der Islam daran fest, was zur Entwicklung eines
eigenen, darauf abgestimmten Bankwesens geführt hat.
Der Zugang der Freiwirtschaft ist aber weniger
ethisch-moralisch als vielmehr vom Ziel getragen, eine auf
Dauer stabile Wirtschaftsentwicklung zu ermöglichen.
Und das ist aus ihrer Sicht in der heutigen kapitalistischen
Marktwirtschaft nur möglich, wenn der Zins gegen Null
sinkt - die
Rolle der Unternehmensgewinne wird als sekundär
betrachtet. Als
Hauptmittel dazu wird eine Umlaufgebühr
auf Bargeld und Sichtguthaben bei Banken (Giralgeld)
vorgeschlagen. Heute hat sich der
Akzent der freiwirtschaftlichen Kritik etwas verschoben.
Das Hauptaugenmerk gilt dem Phänomen, dass sich
Geldvermögen und Schulden insbesondere in den reichen
Ländern scheinbar automatisch aufschaukeln,
während die Wachstumsraten der Wirtschaft zu niedrig
sind, um die steigenden Zinsansprüche auf längere
Sicht zu finanzieren. Ein immer größerer Teil
des Wirtschaftsprodukts wird für arbeitslose Einkommen
der vermögenden Bevölkerung abgezweigt, die diese
Einkommen aber nicht verkonsumiert, sondern neuerlich
renditetragend veranlagt. Der resultierende Nachfrageausfall
drückt wieder auf die Wachstumsraten. Logischer
Endpunkt dieser Entwicklung ist entweder ein systemischer
Zusammenbruch oder bekannte Auswege wie die Eliminierung von
Schulden und Geldkapital durch Hyperinflation, inszeniert
durch die Notenbaken im Auftrag des Staates. Unumgänglich
ist die Einführung einer variablen, von der
Zentralbank festgelgten Umlaufgebühr
auf Bargeld und Giralgeld.
Die Höhe der Steuer richtet sich nach ihrem Zweck,
nämlich jede Hortung von Geld zu verhindern. Die
Geldschöpfungsfähigkeit der Geschäftsbanken
wird abgeschafft, um die Kontrolle der Geldmenge durch
die Zentralbank und damit Preisstabilität zu
ermöglichen. ..... Soweit
der Plan. Diagnose
und Therapie der Freiwirtschaft zeigen aber einige
Schwächen.
Zwar ist
unbestreitbar, dass hohe Zinsen die Steigerung der
Verschuldung und der Geldvermögen in den letzten 20
Jahren mitverursacht haben. Aber diese Zinsen sind nicht
identisch mit dem Zins, den die Freiwirtschaft per
Umlaufgebühr abschaffen will. Übersehen
wird, dass
eine "künstliche Verknappung" von Geld nicht mehr von
den GeldvermögendbesitzerInnen selbst inszeniert
wird,
sondern von den dazu befugten Zentralbanken. Etwa von der
US-amerikanischen Notenbank, die nach der Inflationsperiode
der 70er-Jahre die Realzinsen letztlich weltweit in die
Höhe trieb, womit sie über lange Zeit weit
höher lagen als die Wachstumsraten der reichen
Länder. Mit
einer inhärenten Eigenschaft des Geldes wie seiner
Hortbarkeit hat das nichts mehr zu
tun. Freiwirtschaftler
weigern sich offenbar, die Kreditschöpfung der
Banken als eine Ursache der Vermögens- und
Schuldenzuwächse
wahrzunehmen.
Stattdessen wird dieser Prozess allein auf Zinsen auf
bestehende Geldvermögen zurückgeführt.
Wäre
dem so, hätte die Aktien- und Immobilienspekulation in
Japan und in Ost- und Südasien oder der
übersteigerte Wachstumsoptimismus in den USA nie so
viele faule Kredite hinterlassen können. ï
erschienen
in der Monats-Zeitschrift "Südwind", Magazin für
internationale Politik, Kultur und Entwicklung, Wien,
10/2003. |