Das Mirakel von Guernsey

Unglaublich, aber wahr: Schon 47 Jahre bevor Silvio Gesell auf die Welt kam und 117 Jahre vor dem Experiment von Wörgl ging das mit Abstand erfolgreichste Freigeldexperiment der Geschichte über die Bühne.

In der freiwirtschaftlichen Literatur wird selten versäumt, auf die lehrreiche und äußerst aufschlussreiche Brakteatenzeit hinzuweisen. Im 12. Jahrhundert war es dem Magdeburger Erzbischof Wichmann bekanntlich gelungen, dem Erfahrungsschatz der Menschheit eine besonders schöne Perle hinzuzufügen.

Achthundert Jahre später ließ der Bürgermeister Michael Unterguggenberger in der österreichischen Stadt Wörgl mit seinem Freigeldexperiment die Fachwelt aufhorchen und staunen. Aber: zwischen der Brakteatenzeit und Wörgl liegen sieben Jahrhunderte - ; eine geradezu verdächtig große Zeitspanne; finden Sie nicht auch?

Erste „richtige" Freigeldexperimente - ; so haben wir bisher geglaubt - ; nahmen in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts ihren Anfang. Diese Annahme ist falsch. Sie kann und muss ab sofort korrigiert werden! Ob Silvio Gesell, Fritz Schwarz, Karl Walker, Hans Kühn, Günter Bartsch, Hans Weitkamp, Werner Zimmermann oder Werner Onken, sie alle haben übersehen, dass es schon vor 180 Jahren eine „Wunderinsel Barataria" wirklich gegeben hat! („Die Wunderinsel Barataria" ist ein schönes und lehrreiches Märchen von Silvio Gesell. Um seinen Lesern die Auswirkungen der NWO besonders eindringlich und überzeugend darstellen zu können, verlegte er die Handlung einfach auf eine überschaubare Insel.)

Im Jahre 1815 (!) waren die Folgen der napoleonischen Kriege noch längst nicht überwunden. Armut machte sich breit in Europa, und besonders schlimm, ja katastrophal, traf es die englische Kanalinsel Guernsey. Vom milden Golfstrom umspült, mit fruchtbarem Boden gesegnet und klimatisch begünstigt (Guernsey bleibt durch den Golfstrom von strengen Wintern verschont) bot die Insel seit Menschengedenken ideale Voraussetzungen für Fischfang, Landwirtschaft, Obst und Gartenbau.

Die Inselbewohner galten als fleißig und tüchtig. Sie produzierten weit über den Eigenbedarf hinaus und hätten durch den Gemüse und Fischexport nach London (und durch den Schmuggel mit Frankreich!) reich werden können, wenn es nicht zu diesem „unerklärlichen" Geldmangel gekommen wäre, der den Gemüseanbau schließlich zusammenbrechen ließ, die Menschen zur Verzweiflung brachte und die Inselverwaltung in den Konkurs trieb. Die vom englischen Mutterland eingetriebenen Steuern und die Zinszahlungen an Londoner Banken brachten den Zahlungsverkehr schließlich ganz zum Erliegen. 1815 hatte der Schuldendienst solche Ausmaße erreicht, dass die Zinsforderungen Londoner Banken durch das gesamte Steueraufkommen der Inselbewohner nicht mehr bedient werden konnten.

In dieser Lage sah sich der Gouverneur von Guernsey, Daniel de Lisle Brock, nach einem rettenden Ausweg um. Es fehlten ihm 4000 Pfund, mit deren Hilfe er eine Markthalle bauen wollte, die - ; da war er sich ganz sicher - ; dem darniederliegenden Fisch - ;, Fleisch und Gemüseumschlag bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit neuen Auftrieb geben würde. Der Gouverneur ließ die gesetzgebende Versammlung der Insel in St. Peter Port zusammentreten und zählte zunächst die Probleme auf: Das Ziegelwerk von Guernsey saß auf einem großen Vorrat gebrannter Ziegel, die keiner kaufen konnte, weil das Geld extrem knapp geworden war. Dem Kalk der Kalkbrennerei war ebenfalls nur mit Geld beizukommen. Tüchtige Handwerker und fleißige Arbeiter ließen sich nur mit Geld aktivieren. Geld, das der Inselbevölkerung nicht mehr in ausreichender Menge zur Verfügung stand und aus den geschilderten Gründen selbst gegen hohe Zinsen nicht mehr aufzutreiben war. Eine Markthalle, rechnete der Gouverneur vor, würde für 4000 Pfund Sterling zu haben sein und sich über Mieteinnahmen innerhalb von wenigen Jahren bezahlt machen. So weit konnten die Abgeordneten ihrem Gouverneur noch folgen und zustimmen, aber dann verschlug es ihnen die Sprache:

Daniel de Lisle Brock machte der Versammlung den Vorschlag, sich diese 4000 Pfund doch einfach selber zu drucken und als Zweitwährung neben dem englischen Pfund frei zirkulieren zu lassen! Sei die Halle erst mal da und habe sich durch Mieteinnahmen amortisiert, könnte man diese „falschen" 4000 Pfund Sterling ja wieder aus dem Verkehr ziehen und restlos verbrennen! Da die Menschen damals offenbar noch an Wunder glaubten und dennoch ihren Verstand beisammen hatten, leuchtete den meisten ein, dass der Traum von einer eigenen Markthalle auch mit „unschönem" Geld verwirklicht werden konnte, zumal dieses Notgeld ja anschließend auch wieder verschwinden würde; das hatte der Gouverneur doch ausdrücklich versprochen. Von der ganzen Aufregung würde nur die Markthalle übrigbleiben und der Inselwirtschaft neue Impulse geben. Es gab aber auch heftige Kritik von Abgeordneten, die den Vorschlag einfach nur lächerlich, dumm, absurd, undurchführbar und vor allem auch gefährlich fanden.

Doch die Kritik an diesem Wagnis verstummte, als sich herausstellte, dass die Voraussagen des Gouverneurs voll eintrafen: Der Gemüseanbau kam wieder in Schwung, und die Markthalle hatte sich nach nur fünf Jahren voll amortisiert. Derart auf den Geschmack gekommen, wurden nun erneut 4000 Pfund Sterling gedruckt, um den Bau einer Straße in Auftrag geben zu können. Damals so haben Reisende berichtet versank die Insel im Morast kaum noch benutzbarer Straßen. Auch die Geldscheine dieser Serie wurden nach Fertigstellung der Straße wieder aus dem Verkehr gezogen und durch neue ersetzt. Überall auf der Insel wurden jetzt Projekte in Angriff genommen, die nicht länger am fehlenden Gelde scheiterten, da man inzwischen gelernt hatte, sich dieses unter bestimmten Voraussetzungen selbst zur Verfügung zu stellen und vorsichtig dosiert in Umlauf zu setzen. So wurde beispielsweise eine Geldserie gedruckt - ; und zwar 5000 Pfund Sterling - ; um eine lästige Restschuld in England tilgen zu können. Da der englische Kreditgeber natürlich nur an echten Pfund Sterling interessiert war, die Gemüseexporteure auf Guernsey aber gern das in England verdiente Geld gegen das bewährte Inselgeld tauschten, war man auch diese Schmarotzer eines Tages los und konnte sich fortan ungeschmälert der Inselwirtschaft widmen. Eine Geldserie nach der anderen wurde jetzt immer projektbezogen gedruckt und nach erfolgreicher Arbeit wieder vernichtet. 10 000 Pfund Sterling für den Bau einer Schule, 12 000 für die Sanierung von Häusern im Umfeld der immer bedeutsamer werdenden Markthalle.

Gouverneur Daniel de Lisle Brock achtete jedoch streng darauf, dass nie mehr als 60 000 Pfund Sterling auf der Insel gleichzeitig kursierten. Möglicherweise steht diese kluge Geldmengenbegrenzung im Zusammenhang mit der inzwischen eingetretenen Vollbeschäftigung. Oder erkannte er bereits die Gefahren der Inflation? Die erst jetzt einsetzende Forschung auf diesem jungfräulichen Gebiet der Geschichte des Geldes wird uns hoffentlich bald näheren Aufschluss darüber geben. Ganze Slumquartiere konnten jetzt schrittweise in Siedlungen mit hellen, modernen Häusern und Wohnungen verwandelt werden. Anstatt wie bisher das teure englische Mehl zu importieren, wurden gleich mehrere (!) Windmühlen gebaut und damit die Abhängigkeit vom Diktat der englischen Lieferanten und Mühlenbesitzer beendet. Weitere Schulen konnten errichtet werden. Die bei Regen kaum passierbaren Straßen auf Guernsey galten schließlich als die besten Europas! Innerhalb von zehn Jahren hatte sich Guernsey in eine blühende Insel verwandelt und geriet dadurch in das Blickfeld geldgieriger Spekulanten und Banken.

Obwohl es jetzt allen Inselbewohnern so gut ging wie nie zuvor, gab es natürlich Leute, die von Zinsen und sonstigen arbeitsfreien Einkommen und Reichtümern träumten. Bei diesen Leuten fanden die Bankiers genau das, was sie suchten: Mitstreiter für einen der niederträchtigsten Angriffe auf die Unabhängigkeit ahnungsloser Menschen. Das Londoner Bankhaus Finkelstein & Co. machte den Anfang und errichtete in der Inselhauptstadt St. Peter Port eine prachtvolle Bankfiliale. Kurz darauf folgte ihr die Commercial Bank. Mit einem für damalige Verhältnisse großen Propagandaaufwand wurde der Bevölkerung auf Guernsey von beiden Bankhäusern ein „besseres" Geld in Aussicht gestellt; ja sogar ein „lebendiges" Geld, das sich nicht nur ganz von allein vermehren würde, sondern vor allem auch mit einer ewigen Gültigkeit lockte. Obwohl der Gouverneur wie ein Löwe für seine Inselwährung gekämpft haben soll, fiel die vom Wohlstand wohl etwas träge gewordene Bevölkerung auf die heimtückischen Versprechungen der beiden Banken herein.

Zum Entsetzen des Gouverneurs führten die Lügen und Intrigen der Bankiers schließlich zu einer folgenschweren Entscheidung der gesetzgebenden Versammlung: Auf Anraten der hinterhältigen Bankiers wurde die umlaufende Geldmenge von 60 000 Pfund Sterling auf 40 000 Pfund Sterling reduziert. (Wir erinnern uns: Mit einer vergleichbaren Geldverknappung lösten englische Bankiers genau 50 Jahre zuvor den Nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieg aus.)

Der sofort einsetzende und in jedem Haushalt spürbare Geldmangel musste nun durch Bankkredite „ausgeglichen" werden! Bevor sich die Folgen und Lasten der Zinswirtschaft erkennbar auswirken konnten, hatte sich das überrumpelte Volk von Guernsey von der segensreichen Inselwährung verabschiedet und bekam schon bald die Knute des herrschenden Kapitals zu spüren.

Nachforschungen meiner skandinavischen Freunde haben u.a. ergeben, dass es seinerzeit auch zu einer verhängnisvollen Komplizenschaft zwischen den beiden Banken und den Schmugglern der Insel gekommen ist. Die zwischen Frankreich und England sehr günstig gelegene Insel war damals wie heute ein Schmugglerparadies. Die panische Angst vor drakonischen Strafen und die freundliche Zusicherung der Banken, bei Wohlverhalten im Parlament mit dem Schmuggeln ungestört fortfahren zu können, trieb die einflussreiche Zunft der Fischer und Schmuggler in die Arme des Kapitals.

1835 hatten die Banken ihr Ziel erreicht: Das Mirakel von Guernsey wurde endgültig im Zins ertränkt. Nach dem Tode des Gouverneurs geriet das Inselgeld in Vergessenheit und der allgemeine Wohlstand nahm wieder englische Verhältnisse an:

Bittere Armut unter der Landbevölkerung, extremer Reichtum auf Seiten der Landlords.

Heute gleicht die Insel einem Bankenzoo und steht im harten Wettbewerb mit den Steuerfluchtburgen Liechtenstein und Luxemburg. Wie in der Stadt Wörgl in Tirol sind sich die Bewohner der Stadt St. Peter Port auf Guernsey der Bedeutung ihrer Stadt für die Geschichte der Menschheit und des Geldes nicht oder kaum bewusst. Helfen wir mit, diese Erfahrungsschätze dem Vergessen zu entreißen!

[…]

 

Fassen wir das 15. Kapitel noch mal zusammen:

[…]

f) Das Mirakel von Guernsey wurde durch zwei Londoner Banken beendet, die - ; wie 50 Jahre zuvor in Neu England - ; die nichts Böses ahnende Bevölkerung von Guernsey innerhalb weniger Jahre vom allgemeinen Wohlstand zurück in die Zinsknechtschaft führten.

g) Das Mirakel von Guernsey ist erst vor einigen Jahren wiederentdeckt worden. Es kommt daher in den Lehrplänen professoraler Wirtschaftswissenschaftler noch nicht vor. Selbst in der NWOBewegung ist dieses sensationelle Freigeldexperiment bisher unbekannt gewesen. Ich selbst verdanke diese Informationen der Freiwirtin Asa Brandberg aus Stockholm, die ihrerseits auf dänische und englische Quellen zurückgreifen konnte.

[…]

Textauszug mit Genehmigung des Autors aus dem 15. Kapitel des Buches „Wer hat Angst vor Silvio Gesell?"

von Hermann Benjes ISBN 3000002049

6. Auflage 2003

 

Faltblatt im pdfFormat