28.7.2003

aus: www.claus-koch.com

 

Kapitalismus-Kritik

 

Sichtbare Hand

Sein Geist und seine Form haben die ganze Welt durchdrungen, aber noch immer herrscht der Kapitalismus auf ziemlich primitive Weise. Es sind vor allem starke Männer, die sich stark aufführen. Solange sich seine Geltung und seine Verfügungsgewalt in den lächerlich hohen Einkünften seiner hohen Repräsentanten und Manager demonstrieren muss, ist die raffinierte Wundermacht Kapitalismus noch weit von ihrer Perfektion entfernt. Sie verdient schon deswegen weiterhin Misstrauen.

Es mutet jedenfalls unreif und gar nicht überlegen an, wenn auch nach bedingungslos vollzogener Globalisierung die Allergrössten, wie sie sich alljährlich in Davos versammeln, sich wie orientalische Potentaten in Geldwert aufwiegen lassen. Schon dass sie dies nötig haben, lässt an ihrer persönlichen Grösse zweifeln.

Der Wahnwitz dieser Prahlerei mit Symbolen ist nun auf einem Höhepunkt angekommen. Wenn zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Einkommensrelation zwischen Unternehmern / Managern und ihren qualifizierten Arbeitern zwanzig zu eins betragen sollte, so war es nach Einschätzung von guten Kapitalisten zuletzt ein Vielfaches davon. Nach einer Auflistung von Fortune gilt zurzeit für die ersten hundert Manager Amerikas ein Verhältnis von tausend zu eins. Das ist einfach peinlich für den Kapitalismus. Weder Adam Smith noch Friedrich Hayek hatten sich diesen Sieg so vorgestellt.

Auch die britische Wochenzeitung The Economist geniert sich für diesen Erfolg der Marktherrschaft und ihrer Ideologie. In einer Serie von Jubiläumsartikeln zum 160jährigen Bestehen zieht die konsequent liberale Wirtschaftszeitung, ein Lichtblick in der seit Jahrzehnten verwahrlosten Presseszene der kapitalistischen Musternation, gegen diesen Schandfleck vom Leder. Der Economist sieht auch heute wieder seine felsenfeste Überzeugung von der Tugend des Marktes bestätigt. Aber unerbittlich beharrt er auch auf seinem politischen Liberalismus. Wenn er mit grossen Titelgeschichten die Unwählbarkeit von Jacques Chirac oder von Silvio Berlusconi behauptet, was sich kein anderes Wirtschaftsblatt in Europa trauen würde, so hat das Gewicht. Und nun also (in der Ausgabe vom 28. Juni bis 4. Juli) geht es gegen die Krankheit der Manager-Einkommen, die nahezu als eine Pathologie am Leib des Kapitalismus bezeichnet wird.

Der Economist räumt zunächst mit der beliebten, aber hilflosen Rechtfertigung auf, die bombastischen Manager-Einkommen seien kapitalistisch funktional. Sie seien, angesichts eines allzu kleinen Angebots an Spitzenleuten, sowohl unvermeidlich wie angemessen, weil sie die stärksten Anreize für starke Unternehmerleistungen darstellten. Allzu oft ist im letzten Jahrzehnt der unternehmerische Erfolg, den die Konkurrenz der Besten ja bezwecken soll, ausgeblieben. Die Verführungskraft der hohen Gehälter und der noch viel höheren Optionen erwies sich als stärker als die unternehmerischen Persönlichkeiten. Was in Deutschland das finstere Komplott um Mannesmann / Vodafone war, ist in den USA um ein Vielfaches überboten worden. Die von blinder Habgier ausgelöste Katastrophe des ENRON-Konzerns ist nur ein Beispiel für zahlreiche andere Zerstörungsdelikte der kapitalistischen Sitten. Die hohe Korruptionsanfälligkeit dieser Kaste, die sich auch wie eine Kaste verhält und nur ihresgleichen um gut abgeschirmten System Geld und Posten zuschiebt, lässt sich nicht einfach durch Gesetze und Selbstverpflichtung auf corporate governance austrocknen. Die Gründe dafür, dass erfahrene Manager so leicht den Kopf und die Kontrolle über sich verlieren, müssen tiefer liegen. Wenn die grossen Wirtschaftslenker ein Konglomerat von Interessenten bilden können, das da und dort einem Racket gleichkommt, so ist das nicht nur durch das Fehlen interner und externer Instanzen der Aufsicht verschuldet. Eine starke Erklärung des Economist: "Shareholder capitalism suffers from a vacuum of ownership". Simpel gesagt: Die Aktionäre sind schlechte Eigentümer, sie sind wenig geeignet, um mit ihrem Eigentum richtig umzugehen. Dazu die trockene Feststellung: "These high earners drove their own pay inflation and protected it with their corporate and political lobbying. But how did they get the power to do so? The answer is that shareholders gave it to them, voluntarily."

Es gibt, so muss man daraus schliessen, eine Übermacht und eine Überzahl von Aktionären, die es nicht verstehen, im eigenen Interesse die Börse zu benutzen. Sie können den trickreichen Begehrlichkeiten des Managements nicht energisch entgegentreten, weil sie selber von Aussichten verführt sind, die sie nicht durchschauen. Obendrein heizt das Internet-Tempo an.

Der Economist sagt es nicht offen, aber man muss aus seinem Befund den Schluss ziehen, dass es viel zu viele Kapitalisten gibt, grosse wie kleine, die von den Erfordernissen ihres Eigentums nichts oder zu wenig wissen. Und dies kann man daraus folgern: In den heutigen Unternehmens- und Eigentumsstrukturen sind die moralische Kraft und das kalkulierte Selbstinteresse des Managements allzu häufig der Aktionärsgier, die sie selber hervorgerufen haben, nicht gewachsen. Vermutlich wäre es für eine gesunde Ordnung des Marktes besser, es gäbe viel weniger Shareholder, und vor allem besser erzogene. Denn die Verbreitung des Aktieneigentums ist eine Quelle der Gefahr für den Kapitalismus in seinem Kern.

Dem würden viele Manager zustimmen, gerade auch die tüchtigen und gewissenhaften und die weitblickenden. Sie verachten auch, mit Recht, ihr Aktionärsvolk, wie man auf den Hauptversammlungen sehen kann. Aber sie brauchen eben sein Geld, zu dessen Vermehrung sie beitragen wollen und müssen. Wenn es schon sinnreich wäre, der Kapitalismus käme mit weniger, dafür reicheren und disziplinierteren Kapitalisten aus, so geht das doch leider gegen die Demokratie. Diese ist, in einem verzwickten Verhältnis, zugleich hochgekommen. Jetzt ist sie so kräftig und allgemein geworden, dass sie mithilfe ihres Reichtums sich an ihre Selbstausräuberung machen kann. Das informierte Selbstinteresse ist mit der Vermehrung des Eigentums nicht mitgekommen, und so können die meisten nicht einmal aus ihren Fehlern lernen. Das gilt auch für das Management, das sich in dieser Debatte ziemlich ungeschickt, gar ahnungslos verhält. So gibt es dann einen Zusammenbruch nach dem andern. Das grosse Vorhaben Kapitalismus war aber wohl höher gedacht.

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